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Mojo - Vom Schatten ins Licht

Hallo, ich bin Mojo.

Ich hatte keinen leichten Start ins Leben,

ich hatte Angst.

 

Ich hatte eigentlich immer Angst aber besonders schlimm war es, wenn diese bestimmten Menschen zu mir in die Dunkelheit herunter kamen. Denn dann kam zu der Angst manchmal auch noch Schmerz. Aber wenigstens wurde es wenn sie da waren kurz hell hier unten und wenn sie wieder gingen mein ständiger unliebsamer Begleiter, der Hunger, etwas weniger. Denn dann bekamen wir hin und wieder etwas zu essen zugeworfen, bevor wir wieder uns selbst überlassen wurden. Es machte nicht satt aber so hörte wenigstens für kurze Zeit mein Bauch auf zu knurren. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.

Doch wir hatten "glücklicherweise" noch uns, Leidensgenossen in dieser ewigen Nacht. Manchmal, wenn es besonders unerträglich wurde und wir kurz davor waren verrückt zu werden, erzählten uns die Älteren Geschichten von der Welt "da oben", außerhalb der Dunkelheit. Sie kannten sie noch von früher, für mich jedoch war sie ein reines Fantasiereich. Sie sprachen immer wieder von einem runden hellen Ding und nannten es "Sonne". Es sollte hoch oben über den Himmel ziehen, alles aus dem Schatten hervorholen und einem Hundefell so wunderbar Wärme spenden. Ich hatte keine Ahnung was das sein sollte... Sonne, Himmel, Wärme, aber ich stellte es mir wunderschön vor. Sie erzählten auch von tausend schönen Gerüchen, von denen jeder einzelne ein Feuerwerk für unsere feinen Hundenasen sein musste. Sie sollten so ganz anders sein als dieser ewige beißende Kotgestank der uns ständig umgab, denn wir hatten ja keine Möglichkeit uns einen schönen Platz für unser Geschäft zu suchen und mussten es so immer wieder hier unten verrichten.

Am besten aber gefielen mir die Geschichten über die riesigen grünen Wiesen, über die man ewig weit und so schnell es die Pfoten nur schafften rennen konnte. So schnell, dass man denkt man fliegt darüber hinweg. In meiner Vorstellung war dass das Paradies: Frei sein und sich bewegen können, nein noch besser - rennen können, so weit einen die Füße tragen! Die Nase dabei in die Luft halten und betörende Gerüche erschnuppern, während einem vom Himmel die Sonne zulacht und mit ihren Strahlen sanft übers Fell streichelt.

In meiner größten Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit dachte ich immer an diesen magischen Ort und mein Geist machte sich auf den Weg dorthin, so konnte ich kurz aus meinem Gefängnis entfliehen. Ich war weg von der Dunkelheit und dem Ding an das ich immerzu angekettet war und welches ihr "Heizkörper" nennt. Was für ein unpassendes höhnisches Wort, denn für mich war es einfach nur ein kaltes Monster, was mich immerzu gefangen hielt!

Es kam mir wie eine Ewigkeit vor die ich bereits in der Nacht lebte, irgendwann jedoch kam ein Fremder in die Finsternis und hatte irgendetwas hier zu tun. Er hatte schon angefangen, doch dann sah er uns, er sah mich! Ich sah ihn an und er erwiderte meinen Blick. Noch nie vorher habe ich so einen Blick bei einem Menschen gesehen: Er war voller Entsetzen, Trauer und Mitgefühl. Der Mann rief die Menschen zu sich, vor denen wir so große Angst hatten und sprach ziemlich lange mit ihnen. Ich weiß nicht warum aber aus irgendeinem Grund konnte er mich daraufhin von dem Monster befreien und mitnehmen.

Ich war völlig durcheinander und wusste nicht was nun mit mir passieren würde. Wir gingen durch mehrere Räume, dann eine Treppe hoch, es wurde immer heller um mich herum - und plötzlich sah ich sie zum ersten mal: Die Sonne! Sie war tatsächlich noch so viel schöner als ich sie mir immer vorgestellt hatte. Ich hielt meine Nase in die Luft und war begeistert von den vielen fremden Gerüchen, doch dann überwältigte mich die Angst mit einem mal. Das Neue um mich herum war zwar wunderschön und aufregend aber es überforderte mich, denn so vielen Reizen war ich noch nie ausgesetzt worden. Ich machte mich mich ganz klein, naja so klein ein Riese wie ich sich eben machen kann - und konnte nur noch im Kauergang an der Hauswand entlanglaufen. Der Mann nahm mich mit zu sich nach Hause und dort wurde meine Panik so groß, dass ich mich in der nächsten Ecke versteckte und nicht mehr rührte. Nur nicht auffallen. Mein Retter wusste nicht mehr weiter und bat um Hilfe. Und so kam ich zu meinem Herrchen. Der sah nämlich den Hilferuf und wusste sofort, dass er mich kennenlernen will und wir zusammengehören. Genau so erzählt er es mir nämlich immer und ich finde er hat absolut Recht, wir sind nämlich ein echt tolles Team geworden!

Die ersten zwei Tage die wir gemeinsam verbrachten hatte ich trotzdem noch riesige Angst und bin ihm immerzu ausgewichen, wenn er versuchte Kontakt mit mir aufzunehmen. Ich bin froh dass Geduld mit mir hatte, denn ein Gefühl in mir drin sagte mir, dass er es gut mit mir meint. So wurde es Zeit den ersten Schritt zu tun und Vertrauen zu fassen, obwohl ich ihn kaum kannte. Zu hoffen dass dieses Gefühl mich nicht täuschte und nicht alle Menschen Angst und Schmerz bereiten.

 

Mein Instinkt sollte Recht behalten, denn er ist mittlerweile der beste Freund den man haben kann und ich bin so dankbar mit ihm jeden Tag durchs Leben zu gehen und die Welt zu entdecken!

Und soll ich euch etwas verraten? Die Geschichten von den großen Wiesen, von denen uns die Älteren immer erzählt haben, stimmen - es gibt sie wirklich und es gibt nichts schöneres für mich, als mit meinen Freunden darüber zu toben - ich bin nämlich richtig schnell und ein ausdauernder Läufer - und wer hätte das gedacht, damals, als noch alles anders war...

 

Ich bin Mojo und das ist meine Geschichte.

 

 

Urheber/Copyright Bild und Text: Lysann Morgenstern Fotografie

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Kommentare: 1
  • #1

    anolha (Freitag, 12 Januar 2018 09:22)

    Über den Titel bin ich auf Ihre Seite, auf diese Geschichte gestoßen. Sie schreiben sehr, sehr schön. Ich bin mitgenommen worden in diesen Keller der Finsternis und emporgestiegen in das Reich der Sonne, welches dann doch wieder Ängste und Überforderung bietet.

    Auch ich kenne/ kannte so einen Hund und es passieren immer wieder wunder auf dieser Welt.