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Emma - Vom Schatten ins Licht

Hallo, ich bin Emma

An dem Tag an dem ich zur Welt kam, umgab mich und meine Geschwister ein helles, kaltes Licht und der Boden auf dem unsere Mama lag um uns zu gebären war kalt und glänzte metallisch. So war der Start in mein Leben nicht wie man es sich immer vorstellt: Warm, kuschelig und in einer sicheren Umgebung. Nein, meiner war komplett anders. Es gab keine Welpenstube, die mir Geborgenheit gab, es gab nur diesen kleinen Käfig, in dem Mama und wir eingesperrt waren. Aber immerhin war sie ja bei uns und wir kuschelten uns gern an ihr warmes weiches Fell. Dann leckte sie über unsere Näschen und stupste sanft an unsere kleinen Bäuche. Wir liebten das.

 

Doch sie war auch oft traurig, wir merkten das, auch wenn sie es uns nie zeigen wollte. Wir hörten wie sie nachts wenn sie dachte wir schlafen tief, leise weinte und wir sahen wie jedesmal ihr Blick erfror, wenn die Menschen den Raum betraten, in dem wir und viele andere Tiere in Käfigen eingesperrt unser Dasein fristeten. Dann stellte sie sich immer schnell vor uns und knurrte und winselte zugleich. Sie wollte uns beschützen aber sie hatte auch sehr große Angst vor ihnen. Wir sahen wie sie immerzu Tiere mitnahmen und jedes von ihnen wurde starr vor Angst wenn ihre Hände nach ihnen griffen. Selbst die kleinen Mäuse, die sonst den ganzen Tag emsig durch ihre Käfige irrten, wurden mit einem mal ganz ruhig und drängten sich in einer Ecke zusammen. Einige Tiere brachten die Menschen wieder, andere waren für immer fort. Die, die wiederkamen, waren völlig verändert. Sie saßen stumm mit einem leeren Blick einfach nur da und man sah ihnen an, dass furchtbares mit ihnen geschehen sein musste. Manche hatten blutrote Augen, anderen war teilweise das Fell entfernt worden und sie hatten schlimme Ausschläge auf ihrer Haut. Bei wieder anderen sah man, dass sie aufgeschnitten und wieder zugenäht wurden. Und einige kamen mit seltsamen Dingern auf ihrem Kopf zurück, die fest mit ihren Schädeln verschraubt waren. Sie taten mir alle unendlich leid aber vor denen mit den furchteinflößenden Dingern auf dem Kopf hatte ich richtig Angst, denn sie sahen nicht nur schlimm aus, sie schienen gänzlich Irre geworden zu sein. Sie saßen sie apathisch speichelnd in ihren Käfigen, kaum fähig den Kopf zu bewegen. Ich hatte oft schlimme Alpträume von ihnen und selbst heute verfolgen sie mich manchmal noch in meinen Träumen. 

 

Mittlerweile weinte unsere Mama nachts immer häufiger und auch am Tag konnte sie ihre Traurigkeit manchmal nicht mehr vor uns verbergen. Wir wussten wieso das so war, denn wir hatten mittlerweile begriffen, dass die Menschen irgendwann auch uns mitnehmen werden. Der Wurf aus unserem Nachbarkäfig wurde nämlich vor wenigen Tagen von ihnen getrennt, der Mutter wurden einfach ihre Welpen entrissen. Wir konnten nur zusehen wie es geschah und seid dem kannten wir unser Schicksal. Und dann war es eines Tages soweit, Menschen kamen und holten uns aus dem Käfig, wir hatten so große Panik, dass wir nicht mal bemerkten dass sie keine weißen Kittel trugen und auch nicht nach Desinfektionsmittel rochen - ein Geruch den ich noch heute hasse - denn dort lag er immerzu in der Luft. Alles ging ganz schnell und sie nahmen uns mit. Dann sahen wir zum ersten mal, dass die Welt um uns herum aus mehr bestand als dem weißen kalten Raum, den wir bis dahin nur kannten. Es gab soviel für uns zu entdecken, und da wir immer noch sehr klein waren, wirkte alles um uns herum riesig. Es gab hinter jeder Ecke, hinter jedem Baum neue Überraschungen für uns, so dass wir aus dem Staunen über diese große bunte Welt nicht mehr heraus kamen.

 

Und so merkte ich nicht, wie die Tage verflogen, bis mir eine große Reise bevorstand. Da ich nichts davon wusste, hatte ich großen Angst, wieder in den kalten Raum zu müssen, aus dem mich die Menschen vor einiger Zeit geholt hatten. In mir machte sich völlige Hoffnungslosigkeit breit und ich weinte und weinte. Ich konnte überhaupt nicht mehr damit aufhören, so schlimm war der Gedanke wieder dahin zu müssen. Und selbst als wir ankamen, hier - in Deutschland, habe ich nicht sofort begriffen, dass nun endlich alles gut ist und das ich nie wieder Angst haben brauchte. Woher sollte ich auch wissen dass hier ein wundervolles neues Zuhause, ja eine neue Familie, auf mich wartete und sich wahnsinnig darauf freute, mich kennen zu lernen? Diese, meine Menschen, haben mich vom ersten Moment an ins Herz geschlossen und waren sehr lieb und sanft zu mir. Das war Balsam für meine kleine Hundeseele die leider schon so viel mit ansehen musste. Die Ruhe die sie ausstrahlten heilte meine seelischen Wunden und so taute ich Tag für Tag mehr auf, bis ich ihnen schließlich die Liebe erwidern konnte, die sie mir von Anfang an gaben. Ich sehr froh hier zu sein, bei ihnen - MEINEN Menschen. Ich habe sie unendlich gern und bin dankbar für jeden gemeinsamen Tag mit ihnen. Nur manchmal muss ich an Mama und meine Geschwister denken, denn sie fehlen mir und ich hoffe, dass auch sie so ein schönes zu Hause bekommen haben und so geliebt werde wie ich.

 

Doch mein 6. Hundesinn sagt mir, dass nun auch für sie alles gut ist und dass sie gerade in diesem Moment auch an mich denken. Und dann lächle ich und zwinkere dem Schicksal zu, dass es so gut mit mir gemeint hat...

 

Urheber/Copyright Bild und Text: Lysann Morgenstern Fotografie

Hintergrundinformation:

 

Emma wurde als Welpe von ungarischen Tierschützern aus dem Versuchslabor eines Pharmaunternehmens gerettet. Danach verbrachte sie einige Monate in dem Shelter der Organisation bis sie nach Deutschland zu ihrer Familie vermittelt werden konnte. Anfangs war sie sehr ängstlich und man kann nur erahnen, was sie in ihrem jungen Leben bereits alles gesehen und erlebt hat. Heute ist Emma ein freundlicher unaufdringlicher Hund der sein "Rudel" über alles liebt und ein glückliches Leben hat. 

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